Archiv für Januar 2013

„Regelschule ist vorsätzliche Körperverletzung und Vernichtung von Lebenszeit“

(cl) Anke Caspar-Jürgens war am vergangenen Donnerstag zusammen mit zwei Vertretern einer Initiative für Direkte Demokratie zu Gast bei der Jungen GEW Berlin. „Ein Fünftel aller Kinder hält die Schule nur unter Drogen aus“, so drastisch sei die Situation geworden, gibt sie zu bedenken. Die massenhaft verabreichten beruhigenden oder aufputschenden Psychopharmaka seien Zeichen der inneren Verweigerung der Kinder, die gegen ihren Willen in die Schule gezwungen würden. Ein Kind, das aufspringt und nicht eine Stunde auf einem Stuhl sitzen bleiben könne, sei außerhalb des Kontexts von Schule eigentlich kein Problem. Erst wenn Kind und Schule zusammen kommen, entsteht plötzlich eine Ratlosigkeit, die Erwachsene dazu führt, ein solches Kind als krank zu definieren und es täglich mit Medikamenten vollzustopfen, deren Langzeitwirkungen verheerend seien.

Darüber hinaus zitierte sie neuere Studien, nach denen mindestens 70 % des schulischen Lernstoffes am Ende einer Schullaufbahn unwiderbringlich vergessen seien. „Was hätten diese Kinder mit der Zeit alles anfangen können?“ Nicht viel weniger drastisch sehen es Henning Graner und Kurt Wilhelmi von „Omnibus für Direkte Demokratie…“. Sie sind mit dem Anliegen gekommen, eine „Volksinitiative Schule in Freiheit“ zu erläutern, die die Schulpolitik umkrempeln soll. Ihre strategisch angelegten Forderungen lauten:

  • Pädagogische Freiheit – Die Schulen sollen die Inhalte und Qualitätsmaßstäbe ihrer Arbeit selbständig gestalten können.
  • Gleichberechtigte Finanzierung – Die Schulen in staatlicher und freier Trägerschaft sollen ohne Schulgeld zugänglich sein.
  • Selbständige Organisation – Alle Schulen, die es wollen, sollen die weitestgehendeorganisatorische Selbständigkeit erhalten.
  • Das Kalkül der Einladung geht auf: Das Treffen der jungen GEW wird zum gemeinsamen Nachdenken über Grundsätzliches und über die passenden politischen Strategien:

  • Kann die von Anke Caspar-Jürgens vorgestellte „Familienschule“ dem Willen des Bürgertums zur Seggregation etwas Einendes entgegensetzen? Oder kann die Volksinitiative die bestehenden Spaltungstendenzen aufhalten?
  • Führt die Idee, einzelnen Schulen mehr Autonomie zu geben dazu, dass auch die beteiligten Menschen freier werden? Oder schafft sie einfach eine bessere Möglichkeit zur feindlichen Übernahme der staatlichen Schule durch privatwirtschatliche Akteur_innen?
  • Etwas Anderes als Schule. 3 Perspektiven auf schulfreies Lernen.

    Lesereihe im Irving-Zola-Haus

    ”Willkommen im Knast” – so begrüßt die Kinderrechtsgruppe KRätZä auf einem Flyer die Neuen in der Schule. In den 90er Jahren haben die KRätZä – KinderRächtsZänker – einen Menschenrechtsreport herausgebracht, in dem sie darstellen, welche Menschenrechte in der Schule nicht gelten: Allen voran das Recht auf Freizügigkeit. Schule ist ihrer Meinung nach eine illegitime Freiheitsberaubung.
    Der Mainstream der Erziehungswissenschaft hingegen rechtfertigt die Schulpflicht als historische Errungenschaft: Mit der Durchsetzung der Schulpflicht sei Analphabetismus und Kinderarbeit in Deutschland abge-schafft worden. Und viele Kinder seien der Gewalt in ihren Elternhäusern für eine gewisse Zeit entkommen. Gewerkschafter_innen sehen in der Schulpflicht zumeist eine sinnvolle Regel, die verhindere, dass die Gesellschaft weiter auseinanderdriftet, dass sich die reichen und gebildeten Familien weiter von der Restbevölkerung absetzen.
    Sicher gibt es wenige Themen, bei denen die Diskussion ähnlich groẞe Wellen schlägt, wie wenn es jemandem einfällt, den Sinn von Schulpflicht in Frage zu stellen. Die drei Autor_innen dieser Lesereihe tun dies unisono. Das ist eine Gelegenheit groẞe gesellschaftliche Fragen zu diskutieren: Wie lässt sich gesellschaftlicher Zusammenhalt organisieren, wenn nicht mehr auf Zwangskollektivierung zurückgegriffen werden kann? Wo bleiben die Abgehängten und Marginalisierten, wenn alle anderen sich aus der kriselnden Schule zurückziehen?

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    VERSCHOBEN auf Di, 9. April, 20:00 Uhr

    Blauer Salon im Mehringhof (Gneisenaustr. 2a, 2. Hof Aufgang 2, 1. Stock links)
    André Stern: Und ich war nie in der Schule

    André Stern beschreibt seinen individuellen Weg, die Schule zu verweigern, nach seinen Bedürfnissen zu lernen und seinen Fragen zu folgen. Sein Buch ist 2010 in der 4. Auflage herausgekommen.
    Veranstalter_innen: KritischeLehrer_innen und CONTRASTE – Monatszeitung für Selbstorganisation – Redaktion Berlin.

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    VORBEI: Mi, 16. Januar 2013, 17:00 Uhr, Irving-Zola-Haus
    (Ohlauer Straße 12, 10999 Berlin / Ecke Reichenberger Straße).
    Anke Caspar-Jürgens: Lernen ist Leben.

    Vier Jahre lang lebte in Deutschland etwas, das es nach dem Willen der Behörden nicht geben darf: ein völlig freies und selbstbestimmtes Lernprojekt für Kinder. Die »Temenos-Lerngruppe« (temenos, griech.: »geschützter Raum«) existierte, weil die beteiligten Kinder, Eltern und ihre Begleiterin es so wollten – und weil die Beteiligten Wege fanden, sich ihren persönlichen Raum jenseits behördlicher Eingrenzung zu nehmen, in dem ganz neue Lernerfahrungen aufblühen konnten.
    In Ihrem Buch beschreibt Anke Caspar-Jürgens die aufregende Zeit, in der sie in Bayern das vierjährige Temenos-Lernprojekt begleitete. Wenn dieses Modell, jetzt Familienschule genannt, in der deutschen Bildungslandschaft einen Platz finden würde, ließen sich viele Probleme lösen, die aus dem bisher nicht umsetzbaren Wunsch nach selbstbestimmter Bildung entstehen. Der persönliche Erfahrungsbericht wird ergänzt durch eine Kritik der Schwachstellen der aktuellen Bildungspolitik.

    alternative Termine mit Anke Caspar-Jürgens:

  • Di, 15.01., 20:00 Uhr Lesung (auf Einladung der CONTRASTE – Monatszeitung für Selbstorganisation) im Buchladen Schwarze Risse (Gneisenaustr. 2a, 10961 Berlin, 2. Hof).
  • Do, 17.01., 16:00 Uhr Lesung (auf Einladung der Ini Lehramt FU) an der FU Berlin, Caledonian Café in der Rostlaube, Raum JK 29/231.
  • Am Mi, 16.01., 08:03 Uhr ist Anke zu Gast in der Sendung „Geld oder Leben“ Im Morgenmagazin von Radio multicult.fm (Radio multicult.fm sendet auf der UKW-Frequenz 88,4 MHz (in Potsdam auf 90,7 MHz) und rund um die Uhr online).
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    Mi, 30. Januar 2013, 19:00 Uhr, Irving-Zola-Haus
    (Ohlauer Straße 12, 10999 Berlin / Ecke Reichenberger Straße).
    Alia Ciobanu: Revolution im Klassenzimmer.

    Alia Ciobanu erzählt in ihrem Buch davon, wie Freiburger Jugendliche sich von ihrer Schule abmelden und ihr Abitur ohne Schule vorbereiten. Sie organisieren alles selbst. In ihrem Wochenablauf kommen auch “Lehrer_innenstunden” vor. Aber die Lehrkräfte erklären nur das, wonach sie gefragt werden, und die Schüler_innen bestimmen mit ihren Bedrürfnissen und Fragen, was passiert.

    alternative Termine mit Alia Ciobanu:

  • Do. 24.01., 19.00 Uhr (auf Einladung der Alternativschule Berlin) im Haus der Demokratie und Menschenrechte, Greifswalder Straße 4, 10405 Berlin.
  • Di, 29.01., 20:00 Uhr (auf Einladung der CONTRASTE), beim Berliner Büchertisch, Mehringdamm 51, 2. Hof)